Aktuelle Ausstellung

Analoges Handwerk
Schwarz-Weiß-Fotografie

Ernst Herrmann, Grafling

Hammerschmiede Kindermann

Vernissage: 4. September 2026, 18 Uhr | Worte zur Ausstellung: Dr. Otto Stählin

Ausstellungsdauer: 6. September – 25. Oktober 2026

Bereits seit 2008 widmet sich Ernst Herrmann seinem Foto-Projekt „Analoges Handwerk“. Mit analoger Kamera und Schwarz-Weiß-Film setzt er behutsam Menschen in traditionsreichen, zum Teil Jahrhunderte alten Handwerksberufen bei ihrer Arbeit ins Bild. Kaum von der Öffentlichkeit wahrgenommen, verschwinden viele dieser Werkstätten und damit Wissen und Fertigkeiten. Ernst Herrmanns Fotografien haben somit neben ihrem künstlerischem Anspruch einen hohen dokumentarischen Wert.
Swanti Bräsecke-Bartsch, Galerieleiterin

Dr. Otto Stählin
Laudatio zur Ausstellung von Ernst Herrmann in Schwarzenbach an der Saale

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde der Fotografie, es ist mir eine besondere Freude, Sie heute hier in Schwarzenbach an der Saale zur Eröffnung dieser Ausstellung von Ernst Herrmann begrüßen zu dürfen. Was Sie hier erwartet, sind nicht nur Fotografien, sondern stille Begegnungen. Momente, die im Vorbeigehen leicht übersehen werden, aber durch die Kamera von Ernst Herrmann eine neue Tiefe und Würde erfahren haben.

Ein großer Teil dieser Ausstellung erzählt von einer Welt, die leise verschwindet: der Welt des traditionellen Handwerks. Und er tut dies mit einem Medium, das selbst zunehmend in den Hintergrund tritt – der analogen Schwarzweißfotografie. Zugleich begegnet uns hier eine zweite Leidenschaft Ernst Herrmanns: die Architektur. Nicht als bloße Dokumentation von Gebäuden, sondern als Spiel von Linien, Flächen, Formen, Licht und Schatten. Beiden Motivwelten gemeinsam ist sein genauer, geduldiger Blick.

Ernst Herrmann fotografiert analog. Und zwar aus voller Überzeugung. Er hat sich seit 2008 einem Projekt verschrieben, das er „Analoges Handwerk“ nennt. Der

Impuls dazu kam aus einer kleinen Zeitungsnotiz: Ein Handwerksbetrieb musste schließen. Ein kurzer Hinweis, den viele überlesen hätten. Ernst Herrmann jedochwurde hellhörig. Er nahm seine Kamera – und begann zu dokumentieren. Nichtf lüchtig, nicht massenhaft. Sondern mit Geduld, Respekt und viel Zeit. Zwölf Handwerksbetriebe hat er besucht. Schindelmacher, Glasmacher, Zigarrenroller, Glockengießer. Er kam mit seiner Kamera – und nichts weiter. Kein Blitz. Kein gestelltes Licht. Keine Anweisungen. Dafür Aufmerksamkeit. Gespräch. Beobachtung. Und die Bereitschaft, auch mehrfach zu kommen, bis das Licht, der Moment, die Stimmung stimmten.

In der analogen Fotografie ist das keine Kleinigkeit. Denn sie verzeiht nicht. Sie verlangt Vorbereitung, Konzentration, Entschlossenheit. Die Wahl von Blende und Belichtungszeit ist keine technische Nebensächlichkeit, sondern ein bewusster Akt. Auch die Art der Lichtmessung muss vorher genau überlegt werden. Wo die digitale Fotografie mit Toleranzen spielt und spätere Korrekturen erlaubt, erfordert das analoge Arbeiten ein genaues Gespür für den Moment – vor der Aufnahme.

Diese Haltung zieht sich durch Ernst Herrmanns gesamtes fotografisches Tun. Er ist kein Sammler von Bildern, sondern ein Suchender nach dem „richtigen“ Bild. Ein Bild, das für ihn stimmig ist – technisch, kompositorisch, atmosphärisch. Diese innere Vorstellung – im Englischen spricht man von „Previsualization“ begleitet jede seiner Aufnahmen.

Gerade in den Architekturaufnahmen wird diese Art des Sehens besonders deutlich. Ernst interessiert dabei weniger das Gebäude als vollständiges Objekt. Er sucht Ausschnitte, in denen die gebaute Umgebung zu einer eigenen Bildordnung wird: Linien, Flächen, Winkel, Wiederholungen, Durchblicke – und immer wieder das Zusammenspiel von Licht und Schatten. So kann ein Parkdeck, eine Treppe, ein Gang oder eine Reihe von Säulen etwas beinahe Abstraktes bekommen. Ein Geländer wird zur Diagonale, eine Folge von Stützen zum Rhythmus, eine Lichtfläche zur geometrischen Figur. Die Architektur liefert das Material – das eigentliche Motiv entsteht aus den Beziehungen der Formen zueinander.

Und auch hier zeigt sich dieselbe Geduld wie bei den Handwerksbildern. Ernst wartet, bis das Licht eine Fläche trennt, eine Kante hervorhebt oder einen Schatten so setzt, dass aus einem alltäglichen Raum eine Komposition entsteht. Beim Handwerk beobachtet er die Bewegungen von Menschen und Händen; in der Architektur beobachtet er gewissermaßen die Bewegung des Lichts über gebaute Formen. Beides verlangt genaues Hinsehen. Beides lebt davon, dass man nicht einfach fotografiert, was da ist, sondern erkennt, was darin sichtbar werden kann.

Was heißt „analog“ überhaupt in diesem Zusammenhang? Viele Menschen sagen: „Das ist eben Filmfotografie, mit Chemie, mit Dunkelkammer.“ Und ja, das stimmt – aber es greift zu kurz. Ursprünglich bezeichnete der Begriff „analog“ die kontinuierliche Entsprechung zwischen Licht und Abbild. Ein direkter physikalischer Zusammenhang zwischen dem, was vor der Kamera ist, und dem, was auf dem Film entsteht. Keine Codierung. Keine Umrechnung. Kein Filter. Sondern: eine Spur der Wirklichkeit. In dieser Tradition steht Ernst Herrmann. Er will nicht im Nachhinein aus einem Bild etwas anderes machen, sondern zeigen, was er im Moment der Aufnahme gesehen hat. Nicht mehr. Nicht weniger.

Gerade deshalb verzichtet er auf nachträgliche Bearbeitung. Seine Bilder werden im eigenen Labor auf klassischem Barytpapier vergrößert. Jedes ein Unikat. Keine Datei, kein Ausdruck, der sich verlustfrei duplizieren lässt. Sondern ein handwerklicher Vorgang, der Sorgfalt, Erfahrung und Hingabe verlangt. Und jedes Bild trägt diese Handschrift.

Die Bewegungsunschärfen, die in manchen Aufnahmen sichtbar sind, sind kein Makel. Sie sind ein erzählerisches Mittel. Denn Handwerk bedeutet Bewegung. Arbeit. Wiederholung. Und Zeit. Diese Zeit wird in den Bildern sichtbar. Sie erzeugt ein stilles Echo dessen, was dort geschah. Es sind keine gestellten Motive. Sondern gelebte Momente.

Sein Weg zur Fotografie war nicht geradlinig. Schon als Jugendlicher interessierte er sich für das Fotografieren. Aber erst viel später, nach einem langen Berufsleben als Techniker und Betriebsleiter in der Bekleidungsbranche, begann er sich ernsthaft mit der Schwarzweißfotografie zu beschäftigen. 2005 richtete er sich ein eigenes Labor ein. Die Kurse, die er besuchen wollte, wurden abgesagt- niemand sonst interessierte sich noch für analoge Fotografie. Also brachte er sich alles selbst bei. Später kam noch ein Kurs bei der Schwarzweiß-AG in Schweinfurt hinzu. Es blieb seine Leidenschaft.

Ernst Herrmanns Bilder fordern nichts. Sie springen den Betrachter nicht an. Aber sie sprechen. Leise, eindringlich, klar. Sie wollen nicht gefallen. Sie wollen berühren. Und das tun sie – mit Licht, mit Struktur, mit einer Haltung. In einer Welt, in der Bilder massenhaft entstehen, über Filter laufen, komprimiert, geteilt und vergessen werden, ist seine Arbeit ein Kontrapunkt. Sie erinnert uns daran, dass ein Bild nicht nur ein visuelles Ereignis sein kann, sondern ein innerer Moment. Ein Gefühl. Eine Spur.

Lieber Ernst, mit deiner Arbeit hast du nicht nur eine verschwindende Weltsichtbar gemacht. Du zeigst uns ebenso, wie aus einem scheinbar gewöhnlichen Raum durch Licht, Linie und Perspektive eine eigene Bildwelt entstehen kann. Vor allem aber zeigst du uns, dass es sich lohnt, langsam zu schauen. Mit Geduld. Mit Aufmerksamkeit. Und mit Respekt.

Ich danke dir.