backdrop intro – Arbeiten von Sophie Innmann

Eröffnung der Ausstellung
am Freitag, den 15. September 2017 um 18 Uhr
Marktplatz 5, 95126 Schwarzenbach a. d. Saale

Begrüßung | Barbara Muck
Leiterin der Galerie

Einführung | Manuel van der Veen

Eröffnung   | Hans-Peter Baumann
1. Bürgermeister der Stadt Schwarzenbach a.d. Saale

Ausstellung vom 17. September bis 22. Oktober 2017
Verlängerung der Ausstellung bis 29. Oktober 2017


Pressemitteilung
Ausstellung „backdrop intro“ mit Arbeiten von Sophie Innmann, Karlsruhe

Handlung wird Form

Am Freitag, den 15. September 2017 um 18 Uhr
wird die Ausstellung „backdrop intro“
der Karlsruher Künstlerin Sophie Innmann
in der

KUNSTGALERIE ALTES RATHAUS
SCHWARZENBACH AN DER SAALE

eröffnet.

Neben Fotografie und Video zeigt die zeitgenössische Künstlerin eigens für die Galerieräume entwickelte Arbeiten sowie ortsbezogene Installationen im Außenraum.
Die Ausstellung thematisiert die Bildfindung basierend auf Beobachtungen menschlichen Handelns im Raum.

Öffnungszeiten: sonntags von 14 bis 16 Uhr
oder auf telefonische Anfrage unter 09284 / 933-31

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Rede von Manuel van der Veen zur Eröffnung am 15. September 2017:

Die Arbeiten von Sophie Innmann haben einen einzigartigen Charakter, es steckt immer etwas Menschliches darin, jedoch ohne allzu große Psychologie, eher ein besonderes Verhalten, eine Handlung. Das Menschliche steckt in dem Stroh, das von Maschinen gepresst wurde, in den an den Körper angepassten Matratzen, dem Surfbrett und den Betrachtenden selbst. Ich würde sagen Sophie Innmann arbeitet mit Zufallsmanövern. Immer gibt es gewisse Regeln, einen klaren Referenzrahmen, in dem die Künstlerin etwas passieren lässt, das dann in der Hand der Betrachtenden oder der Objekte selbst liegt. Die Personen oder Objekte sind sich in diesem Rahmen selbst überlassen, agieren und reagieren, unterlaufen die Untersuchung, während die Künstlerin das zufällige der Aktion mit großem Forschungsinteresse aufzeichnet, festhält oder beobachtet.

Wie also diese künstlerische Arbeit betrachten, welche nicht nur in der Tatsache, dem was einfach da ist, aufgeht, sondern immer auch einen Verlauf mit anzeigt, ein Geschehen mit einschließt? Ich versuche mit drei Schlagworten die Arbeiten zu umreißen: Sport, Spur und Spannung. Dazu ein Beispiel, natürlich ein dynamisches Beispiel. Statik und Stehenbleiben sind sowohl Sophie Innmann als auch ihren Arbeiten fremd. Ein Stabhochspringer kurz vor dem Loslaufen. Er steht da voller Anspannung, konzentriert darauf, die auf Perfektion trainierte Bewegung durchzuführen. Um ihn herum am Spielfeldrand eine chaotische Masse an Publikum, Beziehungsgefüge als Gegenpol zum durchgetakteten Ablauf. Er rennt los, Schweiß auf der Haut, den Stab vor sich haltend, in vielfacher Länge zu seiner eigenen Körpergröße, leicht durchhängend. Er rennt seine Schrittfolge, rammt den Stab in den Boden und katapultiert sich in hohem Bogen durch die Luft. Er gleitet im Schwung über die Messlatte, die Markierung, lässt den Stab los, um im freien Fall der Schwerkraft folgend auf der großen weichen Matte aufzuprallen. Dabei sackt er in die Matte ein, hinterlässt einen Abdruck. Er blickt zurück. Die Latte liegt noch oben, als sichtbares Zeichen dafür, dass der Sprung gelungen ist. Es passieren hier grundlegende Momente, welche sich mit den Interessen von Innmanns Beobachtungen überschneiden. Als erstes Schlagwort der Sport. Damit ist nicht direkt das Surfbrett angesprochen, oder dass die Strohskulptur von Innmann an eine riesige Siegestribüne erinnert. Sondern Sport als Spiel und vergessen wir nicht Sport ist ein ernstes Spiel. Es gibt immer Regeln und die Regeln konzentrieren das Geschehen, den Ablauf. Es ist ein ernstes Spiel, weil die Sportler hochkonzentriert, mit großer Anstrengung und Leistung innerhalb dieser Regeln agieren. Aber Sport speist sich auch immer aus Bewegung, aus Interaktionen, aus Zufälligkeiten, und letztlich gehören zum Sport sowohl die Spieler als auch das Publikum.

Zurück zur Skulptur lil’bro im Außenbereich. Die Zwanzig Strohballen, Produkte einer Kultivierung, sind gestapelt. Man weiß nicht so recht, ob sich das so gehört oder ob es so inszeniert ist. Die Treppen laden zum Besteigen ein, sie fordern eine Anstrengung. Die Stufen sind gerade noch zu besteigen, aber zu hoch für ein blindes Traben. Es gibt für die Leistung eine kleine Aussicht auf eine Firma. Man steht dann auf dieser Anhäufung und unter den feinen Linien des Drahtes, welcher die himmelblaue Fläche strukturiert. Aber über diese Strohballentreppe ist eine Filz-Bahn gezogen. Eine Bahn, ein eigenartiges Material, ein Auftrittsgefühl, sie verändert den Schritt, irritiert den Ablauf, eine farbige Fläche über dem durch Furchen strukturiertem Boden. Sophie Innmann setzt dieses Spielfeld, eine Art begrenzter Regeln durch die Ästhetik, durch die Assoziation was man damit tun kann. Das Spielfeld zeigt Ähnlichkeiten zu oben genannter Rennbahn, mit Hürden und Markierungen. Sie setzt einen Anspruch, die Treppe ist nicht nur angenehm, sie fordert etwas heraus. Sie setzt eine Anstrengung und eine Verschiebung, man muss mit dieser Situation umgehen, man muss sie umgehen, man muss darauf gehen und stehen, auch wenn man nie genau weiß wohin das führt. Man kann dort auch klettern und springen, sitzen oder liegen, das spielt keine Rolle. Sophie Innmann schafft ein Spiel dessen Regeln dafür sorgen, dass es keinen Sieger gibt. Diese Regeln führen zu einer Situation, welche durch die Regeln beeinflusst ist, aber von den Spielern selbst gestaltet wird. Zu einem Austausch in der Gruppe, zu Interaktionen, es bilden sich Teams und Einzelgänger, Unvorhergesehenes und Ablehnung. Die Zuschauer neben der Treppe und der Strommast, die Bewegung der Kletterer, diejenigen die Ausschau halten sind ebenfalls Teil des Spielfeldes, sind Teil des Kunstwerkes. Publikum, Spielregeln, Spielfeld, Anstrengung, Zufall und Absicht, Gruppendynamik und Bewegungsablauf bestimmen die sportliche Injektion, die Teil von Sophie Innmanns Arbeiten ist.

Der sportliche Anteil dieser Arbeiten erzählt von einem Spielfeld, in dem alles zur Markierung wird und aufeinander bezogen ist, er steht für die wenigen Regeln, die eine Vielzahl an Interaktionen ermöglichen, er steht für eine Animation, ein animieren dieses Spielfeldes. Die Linien und Flächen welche sie setzt, erhalten eine Art von Belebung. Durch die Menschen, die Aktionen und Bewegungen. Aber auch und damit sind wir bereits beim zweiten Begriff, durch die Spuren welche all jene hinterlassen. Eine Spur macht sich im Gegensatz zu einem Zeichen durch ihre Unabsichtlichkeit aus. Ein Zeichen wird gesetzt, um etwas Bestimmtes zu bezwecken oder auszusagen. Eine Spur aber wird hinterlassen, hat etwas Passives. Prägt sich in den Untergrund ein. Die Spuren, welche Sophie Innmann aufzeichnet oder aufzeichnen lässt, sind intensive Studien physikalischer Vorgänge und menschlichen Verhaltens, deren Ergebnisse zwischen spielerischen Spritzern und zerstörerischem Aufprall festgehalten werden. Wenn der Stabhochspringer auf der Matte auftrifft, dellt sich diese ein. Die liegengebliebene Latte zeugt vom gelungenen Sprung. Die liegengebliebenen, überall verteilten Trinkbecher nach der Veranstaltung. Das sind die unbewussten Spuren von Abläufen, die Sophie Innmann interessieren und die sie auf Dauer stellt.

Hierzu ist vielleicht etwas zu den Fotografien zu sagen. Diese technisch degenerierten Fotos. Die Fotografien sind bestimmt durch eine wohlkalkulierte Komposition und ein eindrückliches Farbgefühl. Hiervon unterscheiden sich aber diese mit hohem Grau-Anteil. Die ursprüngliche Fotografie von Kalahari II ist noch zu erahnen. Jemand sitzt auf einem Roller und rast durch eine Stadt, das ist schon nicht mehr so genau zu sagen. Innmann jagt dieses Bild durch mehrere Verzerrungen des Computers. Sowie die Fotografie selbst eine Spur der Lichtreflexionen auf den Sensor darstellt, so fügt sie dieser weitere digitale Spuren durch den Mausklick hinzu. Die pixeldurchtränkte Struktur entsteht als Spur eines technischen Eingriffes. Eine Bewegungsunschärfe gepaart mit einem technischen Unvermögen erzeugt die Spannung. Spuren verschiedenster Aktionen von zufällig entdeckten bis zum Manöver kultivierter Vorgänge besetzen das Bild. So umranken viereckige graue Pixelbäume die Farbreste des Bildes. Kontrastieren grau in grau die Stadt. Die Spuren halten eine ursprünglich echte Bewegung fest und werden mit digitalen Bewegungen zu einem neuen Bild komponiert. Was bei der Strohskulptur lil’bro die Betrachtenden als Eingriffsspuren hinterlassen, besorgt hier die Technologie. Zwischen dem Abdruck, den der Stabhochspringer in der Matte hinterlässt, der liegengebliebenen Latte und der Zahlen, welche die Leistung des Sportlers analysieren, lassen sich die farbigen, menschlichen und technischen Spuren in Innmanns Arbeit nieder. Mal formieren sich diese zu einem aufwendigen Diagramm, mal als Bestandteil einer Bildkomposition und ein andermal als lebendige Spur der Betrachter. Die Künstlerin hält diese fest, setzt sie in Beziehung und komponiert mit ihrer Hilfe ein Bild.

Die Arbeiten, welche wir in den anschließenden Räumen betrachten können sind Niederschläge einer Intervention, die den Raum bestimmt, sich aus ihm herleitet und uns als Betrachtende führen und verführen. Vergessen wir nicht und das ist entscheidend, dass der Stab des Stabhochspringers ihn zwar in die Höhe befördert, er diesen aber nicht mit hinüber nimmt. Und trotzdem ist, auch wenn nur für eine Sekunde, in der gespannten Zuckung, der freigelassenen Energie, der Biegung und dem Hochschnellen des Stabes, der gesamte Sprung enthalten. Dies ist was ich mit Spannung meine. Das Artefakt einer Aktion, welches die Aktion bestimmt. Die Spannung äußert sich hier bestechenderweise in dieser Krümmung einer Matratze, einer sich zusammenziehenden Biegung der Pipe. Diese Spannungen orientieren sich an der hier gegebenen Architektur.

Sport, Spur und Spannung. Die Arbeiten in diesem Raum sind wie der Stab zu betrachten, er ist ein bloßes schlichtes Ding in dem die Spannung einer Handlung steckt, der über Erfolg und Missglücken eines Sprunges oder Denkaktes entscheidet, er ist ein Ding, dass sich für einen kurzen Moment selbst aufrecht hält, sich selbst behauptet als das Produkt einer unfassbaren Energie und Präzision, ein Produkt einer umfassenden sozialen Konstellation. Diesen kurzen Moment physikalischen Druckes, der Moment einer Verlebendigung, die Spannung des sozialen Gefüges hält Sophie Innmann in ihren Arbeiten fest und stellt es auf Dauer. Das Spielfeld ist dieser Raum der Galerie, mit seinen rückversetzten Fenstern, den zarten Lichtlinien an der Decke, dem braunen Fußboden und den niedrigen Türen. Der raue Farbton der hier vorherrscht greift das Braun des Bodens auf, während der Status der Galerie in dem altehrwürdigen Marmorsurfbrett geehrt wird. In diesem Spielfeld sind die Betrachtenden nicht auf diese Rolle reduziert, sondern Mitspieler. Die Regeln welche Innmann hier festlegt sind Bewegungsrouten, sie versperrt eine Tür und blockiert mit don’t call us, we call you den Raum. Die Matratze, welche sich in den Durchgang zwängt quetscht sich mit gebogenem Rücken hinein. Animiert die Bewegung nachzuahmen, auszuhalten, verleitet dazu einen Blick unter Anspannung einzunehmen. Der Betrachter mit aufrechter Haltung steht neben der Krümmung und wird zur Spur, hinterlässt ein weiteres Bild und wird für einen Dritten zum Teil der Arbeit. Gegenüber lehnt eine weitere Matratze erschöpft an der Wand und löst die Spannung des Eingezwungenseins wieder auf. Sie lehnt aber auch lässig unter der Projektionsfläche eines Lastwagens, der die gemütliche Sonne einfängt und auf das Surfbrett reflektiert. Diese Arbeiten platzieren sich zwischen dem Ernst einer Studie und dem Humor der zufälligen Begebenheit, sie sind auch mit beidem zu betrachten.
Manuel van der Veen